Personzentrierte Haltung und dessen Förderung in der Langzeitpflege

Veröffentlicht am 17. Oktober 2023 um 20:07

Was ist Personzentrierung und warum ist das wichtig?

Der personzentrierte Ansatz stellt die Person selbst in den Mittelpunkt, da niemand besser weiss was der Mensch braucht und was ihr gut tut als die Person selbst. Die Personzentrierung ist die Basis für eine menschenwürdige Pflege, da damit das Individuum in seinem vollen Menschsein anerkannt wird.

von Dach & Mayer (2023) beschreiben "'vier Formen des Seins', die den Kern von Personzentrierung abbilden: In Beziehung sein, in einer sozialen Welt sein, an einem Ort sien, mit sich selbst sein."

Der Ansatz der Personzentrierung gilt als Qualitätskriterium eines Gesundheitssystems und ist Teil der Definition "Pflegequalität"(WHO). Personzentrierung wird als wichtiges Leitkonzept für eine qualitativ hochwertige Pflege verstanden. Sie führt nachweislich zu einer hohen Bewohnenden - Zufriedenheit, einer hohen Pflegequalität und einem hohen emotionalen Wohlbefinden. Deshalb definierte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die patientenzentrierte Pflege in den "Ziele des Bundesrates zur Qualitätsentwicklung für die Jahre 2022-2024" als eines der 5 Handlungsfelder der Qualitätsstrategie. Auch in der gesundheitspolitischen Strategie des Bundes «Gesundheit2020» wird die Relevanz der Personzentrierung deutlich: Eines der sechs darin enthaltenen zentralen Prinzipien lautet: «Die Strategie orientiert sich am Bedarf der Menschen und an ihren Vorstellungen von einem gesunden Leben sowie einer guten Versorgung».

 

Wird die personzentrierte Haltung in den Schweizer Langzeitpflegeinstitutionen umgesetzt?

Sommerhalder et al. (2015) untersuchten die Pflege- und Lebensqualität aus Sicht der Bewohnenden in Langzeitinstitutionen. Sie erkannten, dass das Leitkonzept der personzentrierten Haltung national und international zwar immer wieder thematisiert wurde und deren Relevanz deutlich war, jedoch in der Langzeitpflege der deutsch- und französischsprachigen Schweiz nur teilweise umgesetzt wird. Begründet wird dies damit, dass die Pflegenden der Langzeitpflege wenig Zeit haben, sich mit den Bedürfnissen und Zielen der Bewohnenden, ihrer Angehörigen und Bezugspersonen auseinanderzusetzen.

 

Wie kann die personzentrierte Haltung in der Langzeitpflege gefördert werden?

Um das Bewusstsein für eine personzentrierte Haltung zu fördern und die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohnenden und deren Angehörigen bei allen Mitarbeitenden in das Zentrum zu stellen, kann ein Praxisentwicklungsprojekt durchgeführt werden. Dies beinhaltet vier Massnahmen (Nielen & Martin, 2023):

  1. Interdisziplinärer Workshop (Pflege, Hotellerie, Administration, Kultur & Alltag u.a.): Auseinandersetzung mit der gelebten Kultur in der Institution und der persönlichen Haltung
  2. Thematisieren und sensibilisieren einer wertschätzenden Sprache (mündlich und schriftlich): Erarbeiten von 3 Kommunikationsregeln mit den Mitarbeitenden
  3. Standardmässige Implementierung der strukturierten, personzentrierten Fallbesprechung (eine Vorlag ist im Shop erhältlich. Weitere Infos siehe Blog: „Pflegegeleitete Fallbesprechungen und die Herausforderung der knappen Zeitressourcen in der Langzeitpflege“ oder Artikel "Genau hinschauen und im Austausch lernen")
  4. Implementierung des „One Minute Wonders“ zu den 6 Grundprinzipien der personzentrierten Haltung (siehe Youtube Video: "One Minute Wonder als Weiterbildung by the way nutzen" und „Shop“)

 

Welche Veränderung bemerkten die Institutionen nach Projektabschluss?

Die Implementierung dieser vier Massnahmen führte dazu, dass die personzentrierte Haltung in den Institutionen (berufsübergreifend) zum Thema gemacht wurde und an Relevanz gewann, wodurch eine Sensibilisierung des Themas erreicht werden konnte. 

Insbesondere die Biographiearbeit der Bewohnenden gewann an Gewicht, aber  auch der sprachliche Umgang mit/über die Bewohnenden veränderte sich. Den Mitarbeitenden wurde bewusst wie viel sie diesbezüglich bereits machen, insbesondere Mitarbeitende aus pflegefernen Berufen (z.B. Hausdienst) realisierten, wie wichtig ihre Arbeit mit/bei den Bewohnenden ist.

Es stellte sich heraus, dass die Mitarbeitenden die Massnahmen sehr gut annahmen und umsetzten. Das wurde von den Teams damit begründet, dass sie eine positive Pflegeerfahrung machen konnten, da die personzentrierte Kultur dem Ethos der Pflegefachpersonen entspricht. Ausserdem konnten die Massnahmen 2 bis 4 ohne nennenswerte, zusätzliche Zeitressourcen in den Pflegealltag integriert werden.

Auch nach Projektabschluss musste das Thema personzentrierte Haltung immer wieder aufgenommen werden, damit es präsent blieb. Dies wurde mit dem "One Minute Wonder" zu den 6 Grundprinzipien der personzentrierten Haltung gefördert.

 

Literatur

      BAG (2019). Die gesundheitspolitische Strategie des Bundesrates 2020–2030. Hrsg.: Bundesamt für Gesundheit (BAG)

      BAG (2022). Ziele des Bundesrates zur Qualitätsentwicklung für die Jahre 2022-2024. Hrsg.: Bundesamt für Gesundheit (BAG)

      Gruber, A. (2020). Faktenblatt «Patienten- und Personenzentrierung –Konzepte und Rezeption in der Schweiz». Hrsg. CURAVIVA Schweiz, Fachbereich Menschen im Alter, online: curaviva.ch.

      Kitwood, T. (2000). Demenz: Der personenzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen. Deutschsprachige Ausgabe hrsg. von C. Müller-Hergl. Bern: Huber.

      McCormack, B., Borg, M., Cardiff, S., Dewing, J., Jacobs, G., Janes, N., Karlsson, B., McCance, T., Mekki, T. E., Porock, D., van Lieshout, F. & Wilson, V. (2015). Person-centredness – the ‹state› of the art. International Practice Development Journal, 5 (Suppl.1), 1–15.

      Nielen, N. & Martin, J. (2023). Personzentrierte Haltung in der Langzeitpflege fördern. SBK-Kongress, 20.-21. April, Bern, Schweiz.

      Sommerhalder, K.; Gugler, E.; Conca, A.; Bernet, M.; Bernet, N.; Serdalay, C.; Hahn, S. (2015). Lebens- und Pflegequalität im Pflegeheim – Beschreibende Ergebnisse der Befragung von Bewohnerinnen und Bewohnern in Pflegeheimen in der Schweiz. Residents Perspectives of Living in Nursing Homes in Switzerland (RESPONS). Berner Fachhochschule, Fachbereich Gesundheit, Abteilung angewandte Forschung & Entwicklung, Dienstleistung Pflege.

      von Dach, Ch. & Mayer, H. (2023). Personzentrierte Pflegepraxis. Grundlagen für Praxisentwicklung, Forschung und Lehre. Hrsg.: Hogrefe.